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Kolonialismus: Die selektive Schuld

Kolonialismus: Die selektive Schuld

Oder: Warum der Westen der einzige Bösewicht bleiben muss

Ein Kommentar von Petra Winkler

Der postkoloniale Diskurs des westlichen linken Milieus ist bemerkenswert stabil: Es gibt feste Rollen, klare Schuldzuweisungen und eine beinahe liturgische Wiederholungsstruktur. Der Westen ist Täter, der Rest der Welt Opfer. Wer davon abweicht, stört nicht nur eine Theorie, sondern eine moralische Ordnung.

Das wäre weniger problematisch, wenn es sich um eine analytische Zuspitzung handelte. Tatsächlich jedoch hat sich der Diskurs weitgehend von der Analyse verabschiedet, um sich in einer moralischen Selbstbestätigung selbst zu inszenieren. Geschichte dient hier nicht mehr der Erkenntnis, sondern der Selbstanklage – und zwar vorzugsweise der eigenen. Dass eine Jahrhunderte alte koloniale Geschichte nicht zum Allgemeinwissen zählt, wird hierbei für die eigene Agenda ausgenutzt. 

Kolonialismus: ein exklusives westliches Laster

Im postkolonialen Weltbild erscheint Kolonialismus als historisch nahezu singuläres Projekt Europas: rassistisch, kapitalistisch, systematisch und – selbstverständlich – beispiellos. Andere Epochen imperialer Expansion werden entweder diskret übergangen oder mit einem wohlmeinenden Lächeln in den Bereich des „anderen historischen Kontextes“ verschoben.

Dass China und Russland ihre heutige Größe nur aufgrund imperialer Expansion erreicht haben, dass auch islamische Reiche (Stichwort al-Andalus oder das Osmanische Reich) über Jahrhunderte hinweg Territorien eroberten, Bevölkerungen unterwarfen, religiöse Hierarchien etablierten und groß angelegten Sklavenhandel betrieben, gilt dabei nicht als Gegenargument, sondern höchstens als Fußnote. Eine Fußnote, die man am besten gar nicht beachtet, um das Narrativ der Selbstanklage nicht zu stören.

So entsteht der Eindruck, Kolonialismus sei eine Art europäische Spezialität gewesen – vergleichbar vielleicht mit dem Barock oder der Oper. In anderen Reichen oder Kulturen (so wird suggeriert) gab es das nicht.

Kontextualisieren heißt entschärfen

Auffällig ist dabei die Sprache. Europäische Gewalt wird analysiert, zerlegt, moralisch seziert. Nicht-westliche Gewalt hingegen wird „kontextualisiert“. Ein Begriff, der im postkolonialen Diskurs zuverlässig bedeutet: wegerklären, um nicht bewerten zu müssen.

Wo europäische Imperien als Ausdruck struktureller Grausamkeit gelten, erscheinen andere Imperien als Produkte unglücklicher Umstände. Der Westen handelt, der Rest der Welt reagiert nur. Verantwortung ist hier ungleich verteilt – und zwar entlang kultureller Linien, die man offiziell längst überwunden haben will.

Das Ergebnis ist eine merkwürdige Asymmetrie: Der Westen wird moralisch an die Kandare genommen, der Rest der Welt hingegen pädagogisch betreut.

Die Entlastung der Anderen

Diese Form der Doppelmoral wird gern als Sensibilität verkauft. Tatsächlich ist sie paternalistisch. Nicht-westlichen Gesellschaften wird implizit unterstellt, sie hätten keine echte Wahl gehabt – keine eigene politische Agenda, keine eigenständigen Machtinteressen und vor allem: keine Verantwortung für ihr Handeln.

So entsteht ein Rassismus mit guten Absichten: Man traut dem Westen systematische Grausamkeit zu, dem Rest der Welt lediglich Tradition und Schicksal. Schuld ist hier kein universelles Phänomen, sondern ein Privileg der Industrienationen.

Oder anders gesagt:
Der Westen muss schuldig sein, alle anderen hingegen leiden nur.

Die Lust an der Selbstanklage

Warum aber ist diese Sichtweise so beliebt? Weil sie bequem ist.

Die permanente Selbstgeißelung verschafft moralische Überlegenheit ohne Risiko. Wer sich selbst anklagt, muss niemanden kritisieren. Wer sich schuldig bekennt, kann sich zugleich als aufgeklärt, sensibel und historisch bewusst inszenieren. Schuld wird so zur Währung kulturellen Kapitals.

Je radikaler die Anklage gegen den Westen, desto sicherer der Platz auf der richtigen Seite. Dass diese Haltung analytisch wenig erklärt, stört dabei kaum. Wichtig ist nicht Erkenntnis, sondern Haltung.

So wird aus Kritik ein Ritual und aus Geschichte ein Moralstück – ohne echte Reflexion. 

Der Westen als ewiger Sonderfall

Besonders hartnäckig hält sich dabei die Vorstellung, der Westen sei nicht nur historisch schuldig, sondern prinzipiell verdächtig. Aufklärung, Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit – all das erscheint weniger als Fortschritt, denn als raffinierte Tarnung imperialer Interessen. Dass ausgerechnet diese Traditionen die schärfsten Instrumente zur Kritik von Kolonialismus hervorgebracht haben, gilt als ironischer Nebeneffekt, den man nicht weiter vertiefen sollte. 

Denn würde man das ernst nehmen, müsste man anerkennen, dass Machtmissbrauch kein kulturelles Alleinstellungsmerkmal ist, sondern eine menschliche Konstante. Und das wiederum würde das gesamte Schuldarrangement destabilisieren. 

Und: Niemals hört man von diesen Personen, dass es ja vor allem der Westen war, der die Sklaverei weltweit geächtet und letztlich beseitigt hat – wobei es immer noch Überreste von Sklaverei gibt, man denke nur an die jesidischen Frauen, die von Islamisten verschleppt worden sind, oder an sklavenähnliche Zwangsverheiratungen in Afghanistan und anderen muslimischen Ländern oder an die Situation von Gastarbeitern in einigen Ländern, die Geld und Pass abgenommen bekommen, um irgendwo für lau zu schuften. 

Schätzungen zufolge sind in einigen Ländern des von Linken verherrlichten „Globalen Südens“ bis zu 50 Mio. Männer, Frauen und auch Kinder von moderner Sklaverei betroffen – aber die Linke im Westen schaut hier großzügig darüber hinweg! Was für eine Heuchelei!

Die Angst vor universeller Machtkritik

Eine wirklich universelle Kritik von Macht wäre unbequem. Sie würde einfache Täter-Opfer-Schemata auflösen, moralische Gewissheiten relativieren und historische Verantwortung gleichmäßig verteilen. Vor allem aber würde sie den Westen aus seiner Rolle als einzigartiger Schuldträger entlassen.

Genau das soll ja nicht passieren.

Denn ohne diese Rolle bräche das moralische Fundament eines Diskurses weg, der sich weniger über Analyse als über Abgrenzung definiert. Deshalb wird selektiv erinnert. Deshalb wird geschwiegen. Deshalb wird empört, aber nur in eine Richtung.

Moralische Reinheit statt Erkenntnis

Der postkoloniale Diskurs wollte einst Macht kritisieren. Heute verteidigt er vor allem ein Narrativ. Eines, in dem Schuld klar verteilt, Geschichte vereinfacht und Selbstanklage zur Tugend erhoben wird.

Doch eine Kritik, die nur dort scharf ist, wo sie ungefährlich bleibt, ist keine Kritik. Sie ist Selbstbestätigung. Wer Kolonialismus, Versklavung und Entrechtung nur dann problematisiert, wenn sie westlich sind, verteidigt nicht die Unterdrückten der Geschichte, sondern die eigene moralische Komfortzone.

Oder um es kürzer auf den Punkt zu bringen: Moral, die so selektiert, ist zutiefst unmoralisch. 

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